Fleurie — Die elegante Seite des Beaujolais. Wenn das Ereignis vorbei ist und der Wein bleibt. Veilchen, reife Kirsche, Seide.
Morgon — Gamay mit Tiefe. Reifefähig, komplex, unterschätzt. Der Beaujolais für Menschen die sagen, sie mögen keinen Beaujolais.
Der dritte Donnerstag im November
Jedes Jahr, am dritten Donnerstag im November, um Mitternacht, wird ein Wein freigegeben. Überall gleichzeitig. Paris, London, New York — und Tokio.
«Le Beaujolais Nouveau est arrivé!» Die Flasche ist sechs bis acht Wochen alt. Die Trauben wurden im September gelesen, im Oktober vergoren, im November abgefüllt und sofort verschickt. Es ist der jüngste Wein der Welt, der jedes Jahr auf denselben Tag wartet.
Nirgendwo wird dieser Moment so gefeiert wie in Japan. Izakayas dekorieren ihre Eingänge. Weinbars reservieren Kontingente Monate im Voraus. Frachtflugzeuge fliegen vollgepackt von Lyon nach Tokio, Osaka, Nagoya. Japan ist seit Jahrzehnten einer der grössten Abnehmer von Beaujolais Nouveau weltweit.
Warum ausgerechnet Japan?
In den 1980er Jahren, während der japanischen Bubble Economy, wurden westliche Luxusgüter zur Statussymbol. Französischer Wein gehörte dazu. Beaujolais Nouveau war zugänglich, festlich, mit einem klaren Datum verbunden — perfekt für ein Land, das saisonale Rituale liebt wie kein anderes.
Japan kennt Hanami, das Betrachten der Kirschblüten im Frühling. Momijigari, das Betrachten des Herbstlaubes. Für jeden Moment im Jahr gibt es ein Gefühl, einen Ritus, eine Speise. Der dritte Donnerstag im November bekam denselben Status. Ein Wein als Jahreszeichen.
Und dann ist da noch die Kirsche. Sakura — die Kirschblüte — ist das Symbol Japans schlechthin. Vergänglich, zart, intensiv schön. Beaujolais Nouveau riecht nach Kirsche und Erdbeere. Das ist kein Zufall, das ist Benzaldehyd, dasselbe Molekül das Kirschen ihren Geruch gibt. Japan hat das gespürt, auch ohne Chemie zu kennen.
Beaujolais Nouveau: Was es ist
Beaujolais Nouveau wird aus Gamay hergestellt, mit einer Technik namens Kohlensäuremaceration. Die ganzen Trauben vergären in einem CO₂-gesättigten Tank, ohne mechanisches Quetschen. Das ergibt einen Wein ohne harte Tannine, fruchtig, leicht, mit einer typischen Note von Banane und frischer Kirsche.
Er ist nicht zum Lagern gemacht. Er ist zum Trinken gemacht. Am besten leicht gekühlt, 14 bis 16 Grad, aus einem einfachen Glas, in Gesellschaft.
Wer ihn mit einem grossen Burgunder vergleicht, versteht die Idee nicht. Es geht nicht um Komplexität. Es geht um Freude.
Fleurie und Morgon: Was danach kommt
Wer durch den Beaujolais Nouveau auf die Region aufmerksam wird, entdeckt die zehn Crus — Gemeinden im nördlichen Beaujolais, die auf einem anderen Boden wachsen und andere Weine ergeben.
Fleurie ist die eleganteste. Granitboden, Weine mit Veilchen, reifer Kirsche, einer fast seidigen Textur. Nichts Schweres, nichts Aufdringliches. Ein Wein den man unterschätzt weil der Name zu hübsch klingt.
Morgon ist das Gegenteil. Vulkanischer Boden aus verwittertem Schiefer, lokal Roche Pourrie genannt, verrotteter Fels. Die Weine sind dichter, dunkler, mit mehr Substanz. Ein guter Morgon braucht drei bis vier Jahre, dann zeigt er etwas das man von Gamay nicht erwartet: Tiefe.
Was dazu passt
Beaujolais Nouveau zur Yakitori ist eine natürliche Wahl. Das leichte Raucharoma des Grills, die salzige Süsse der Teriyaki-Glasur, die frische Kirschfrucht des Weins — drei Dinge die sich gegenseitig heben ohne zu konkurrieren.
Edamame, Gyoza, leichte Hühnchengerichte. Alles was keine schweren Tannine braucht und mit Frische besser wird. Fleurie geht auch zu Lachs oder gegrilltem Thunfisch — leichter Rotwein zu Fisch, das funktioniert öfter als man denkt, wenn der Fisch genug Substanz hat.
Ein letzter Gedanke
Es gibt Weine die man erklärt und Weine die man einfach öffnet. Beaujolais Nouveau gehört zur zweiten Kategorie. Jedes Jahr, dritter Donnerstag im November, gibt es einen Grund eine Flasche zu öffnen ohne Anlass ausser dem Datum selbst.
Die Japaner haben das früher verstanden als die meisten Europäer. Manchmal kommt die beste Weinkultur von dort, wo man sie am wenigsten erwartet.
Den Wein-Food-Pairer nutzen um den passenden Wein zum Abend zu finden.